(02)Artikel · Regelung

Ihre Heizkurve ist
zu hoch eingestellt

Veröffentlicht 21.09.2026Lesezeit 6 Min.Thema Heizkurve

Die Heizkurve ist die folgenreichste Einstellung einer Heizungsanlage. Sie ist zugleich diejenige, die niemand je nachführt — und die einzige, deren Korrektur nichts kostet.

In einem Satz

Jeden Herbst starten Tausende von Gebäuden ihre Heizung mit der Einstellung der Inbetriebnahme neu. Manchmal mit derjenigen von vor zwanzig Jahren.

Die Einstellung von 2006, die 2026 noch heizt

Die Heizkurve stellt den Zusammenhang zwischen Aussentemperatur und Vorlauftemperatur des Heizwassers her: je kälter es draussen ist, desto heisser geht das Wasser weg. Eingestellt wird sie über zwei Parameter, die Steilheit und die Parallelverschiebung, dazu kommt der Raumsollwert.

Bei der Inbetriebnahme wird sie hoch eingestellt. Das ist vernünftig: Die Anlage hat noch nie unter realen Bedingungen gearbeitet, das Gebäude ist teilweise noch feucht, und das Einzige, was sich ein Integrator nicht leisten kann, ist ein kalter Raum bei der Abnahme. Eine grosszügige Kurve erledigt dieses Risiko in einer Minute.

Das Problem ist nicht diese Ersteinstellung. Das Problem ist, dass im Leben eines Gebäudes kein Zeitpunkt vorgesehen ist, um darauf zurückzukommen. Fenster werden ersetzt, die Dämmung erneuert, Büros werden zu Sitzungszimmern, ein Geschoss steht leer. Der Bedarf sinkt um 20 oder 30 %. Die Kurve bleibt, wo sie ist.

Wie man sie ohne Messgerät erkennt

Vier Anzeichen genügen, und alle lassen sich bei einer einzigen Begehung feststellen.

Der Fehler, den man nicht machen darf

Eine hohe Kurve ist selten ein Rechenfehler. Sie ist fast immer eine Kompensation: Ein schlecht versorgter Raum hat reklamiert, und statt diesen Raum zu behandeln, wurde die Kurve für das ganze Gebäude angehoben. Die Einstellung hat eine Reklamation gelöst und dafür das Ganze verschlechtert.

Praktische Folge: Man rührt die Kurve nicht an, bevor der hydraulische Abgleich und die Einstellungen an den Verbrauchern erledigt sind. Ist der kritische Raum nicht gelöst, erzeugt die Absenkung innert drei Tagen eine Reklamation, jemand dreht die Einstellung wieder hoch, und die Übung gilt als gescheitert.

Die Reihenfolge

Zuerst der Abgleich, dann die Kurve. Eine hohe Kurve ist fast immer die Kompensation eines einzigen schlecht versorgten Raums; solange er nicht behandelt ist, steht jede Absenkung in der Folgewoche wieder auf dem Ausgangswert.

Die Methode, Schritt für Schritt

  1. Den Ist-Zustand aufnehmen. Steilheit, Parallelverschiebung, Raumsollwert, Nachtabsenkung, getrennte Kurven je Kreis, sofern mehrere vorhanden sind. Schriftlich festhalten: Das ist der Rückfallpunkt, falls die Kampagne schiefläuft.
  2. Einen Referenzraum wählen, repräsentativ, eher exponiert, mit während der ganzen Kampagne voll geöffneten Thermostatventilen. Dort einen Raumtemperaturlogger setzen. Ohne festen Referenzpunkt reguliert man nicht, man rät.
  3. Zwei Wochen aufzeichnen: Aussen-, Vorlauf-, Rücklauf- und Referenzraumtemperatur, bevor irgendetwas verändert wird. Diese Aufzeichnung belegt später den Gewinn — und sie zeigt auch einen taktenden Erzeuger.
  4. In kleinen Schritten absenken. Zwei bis drei Kelvin Vorlauf am Auslegungspunkt, also eine Stufe Steilheit, pro Etappe von ein bis zwei Wochen. Ein schweres Gebäude braucht 48 bis 72 Stunden zum Reagieren: Wer schneller urteilt, beurteilt die Trägheit und nicht die Einstellung.
  5. Steilheit und Parallelverschiebung getrennt korrigieren. Nur bei milder Witterung zu warm: Parallelverschiebung senken. Nur bei grosser Kälte zu warm: Steilheit senken. Durchgehend zu warm: beide senken, beginnend mit der Parallelverschiebung.
  6. Drei Kennwerte je Etappe überwachen: die Temperatur des Referenzraums, die Aufheizzeit am Morgen nach der Nachtabsenkung und die Anzahl Erzeugerstarts. Der erste, der sich verschlechtert, setzt die Grenze.
  7. Eine Stufe über dem Bruchpunkt aufhören. Die richtige Kurve ist diejenige, bei der der Referenzraum in einer Kälteperiode seinen Sollwert mit weit offenen Ventilen gerade noch erreicht. Nicht höher.

Die Leitplanken

Drei Grenzen sind nicht verhandelbar, und sie gehören vor dem Start schriftlich festgehalten.

LeitplankeRegelWarum
TrinkwarmwasserUnangetastet lassenEigene Temperaturen und eigene hygienische Anforderungen; die Kampagne betrifft ausschliesslich die Heizkreise.
Frostschutz und MindestvolumenströmeBleiben jederzeit aktivEine Kurvenabsenkung darf nie unter den Mindestvolumenstrom eines Erzeugers führen oder eine Schutzfunktion ausser Kraft setzen.
FussbodenheizungWenige Kelvin Spielraum, längere EtappenSie arbeitet bereits auf tiefem Temperaturniveau und ist träge. Bei gemischten Anlagen wird jeder Kreis mit eigener Kurve behandelt.
Grenzen, die vor der ersten Etappe festzuhalten sind

Was es bringt — und was nicht

Bei der Grössenordnung muss man ehrlich bleiben. Eine Kurvenabsenkung verwandelt kein Gebäude: Sie holt zurück, was eine falsch gewordene Einstellung verschwendet hat. Bei einer überheizten Radiatorenanlage liegt der typische Spielraum bei 5 bis 10 K Vorlauf am Auslegungspunkt, und der Gewinn bewegt sich meist im einstelligen Prozentbereich des Heizwärmeverbrauchs — mehr bei einer Wärmepumpe, wo die Absenkung direkt auf die Leistungszahl wirkt, und noch mehr bei einem Brennwertkessel, der wieder zu kondensieren beginnt.

Interessant ist an der Übung nicht der Prozentsatz, sondern das Verhältnis: keine Bestellung, kein Betriebsunterbruch, ein paar Ingenieurstunden und ein Datenlogger. Es gibt nicht viele Effizienzmassnahmen, von denen sich das sagen lässt.

Und es gibt einen nützlichen Nebeneffekt. Eine Absenkkampagne bringt innert drei Wochen alles ans Licht, was die Anlage verbirgt: den nie abgeglichenen Raum, das in der Endlage blockierte Ventil, den in der prallen Sonne montierten Aussenfühler, den Kreis, dessen Versorgungsbereich niemand mehr kennt. Dort liegt oft das eigentliche Potenzial.

wall-i ist ein unabhängiges Ingenieurbüro für MSR und Gebäudeautomation mit Sitz im Wallis. Unsere Pflichtenhefte sind herstellerneutral, unsere Leistungen folgen den SIA-Normen und der KBOB-Bezeichnungssystematik. Ein Thema, das wir behandeln sollen: hello@wall-i.ch

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